Mitweltethik, Bildsprache und Mythologie
Farangis G. Yegane Arani und das Mythologem der Tauroktonie
Messel group
Farangis reaktiviert den Mythos des Mithras-Mysteriums nicht als antiquarische Darstellung, sondern als Bildsprache mit religions- und kulturkritischer Implikation. In „zum Beispiel Mithras I“ [Philozoe, Jg. 2, Nr. 1, 2021] stellt sie das Stiertötungsmythologem als paradigmatischen Ausdruck von Opferdenken dar und verbindet es mit der Vorstellung des Opfertodes als ritueller Wiedergeburts- und Heilserwartung in verschiedenen religiösen Traditionen.
Das zentrale Bild der Tauroktonie – die Tötung des Stiers durch Mithras – steht dabei nicht für ein historisches Opfergeschehen. Es symbolisiert vielmehr die Vorstellung, dass aus Tod neues Leben erwächst. Blut, Sterben und Opfertod erscheinen als Übergänge, als Schwellenmomente, in denen Transformation imaginiert wird.
„Im Sterben und Verbluten beginnt die rituelle Verwandlung: aus Tod entspringt neues Leben. In endlosen Ketten der Heilserwartungen bewegt sich die Menschheit in heillosen Epochen.“
Mit dieser Formulierung bindet Farangis den Mithras-Mythos an anthropologisch weit verbreitete Deutungsmuster von Opfer als Heilserwartung. Auch in den abrahamitischen Religionen steht das Blutopfer – in Kreuzigung, Tieropfer oder ritueller Blutmetaphorik – als Bindeglied zwischen Mensch und Gott sowie als Verheißung von Erlösung. Farangis stellt diese Vorstellungen gegenüber.
Opfer als kulturelles Denkmodell
Farangis’ Zugriff ist nicht historistisch, sondern mythopoetisch und kulturkritisch.
Blut erscheint nicht nur als physischer Lebenssaft, sondern als mythischer Metabolismus von Tod und Hoffnung. Das Motiv des „Tötens, um neu zu werden“ zieht sich durch unterschiedliche Kulturen.
Doch Farangis deutet diese Struktur nicht affirmativ. Sie beschreibt sie als Zwangsläufigkeit kultureller Vorstellungen: Der Gedanke, Tod könne unmittelbare Heilserfahrung generieren, ist tief in religiöse Bildtraditionen eingeschrieben – und gerade deshalb problematisch. Denn er schreibt Opfer als notwendige Bedingung von Sinn fest.
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Im römisch fokussierten Teil der Ausstellung – zum Beispiel Mithras I – werden mehrere Aspekte thematisiert, die die Problematik umreißen. Die begleitende Handreichung der Ausstellung (Philozoe, Jg. 2, Nr. 1, 2021) erläutert die römische Bildsprache und deren innere Dynamiken, ohne sie als historische Rekonstruktion zu überhöhen:
- Eine zentrale Rauminstallation zeigt die sieben Weihegrade des Mithras‑Kultes als aufsteigende Stufen: Rabe, Nymphus, Miles, Leo, Perses, Heliodromos, Pater in Gegenüberstellung mit den Weihegraden der katholischen Kirche und den Hierarchiestufen des US-amerikanischen Militärs. Diese Treppenbildung ist nicht nur eine Hierarchisierung von Initiationsstufen, sondern verweist implizit auf den Weg durch symbolische Ordnungen, der im Mythos selbst enthalten ist. Quelle: Begleittext zur Ausstellung, S. 10ff.
https://farangis.de/philozoe/edition_farangis_philozoe_DE_2021_1.pdf [28.02.26] - Die kosmische Ordnung und ihre Störung werden über eine Lichtinstallation thematisiert: In einer diptychonartigen Komposition wechseln sich Formen von Sonne und Mond ab, und eine rote Leuchtlinie durchzieht das Wechselspiel. Sobald der Zyklus vollendet ist, blitzt die rote Linie auf und signalisiert eine Unterbrechung, eine gestörte Ordnung. Dieses Lichtspiel markiert nicht nur zeitliche Rhythmen, sondern auch die Fragilität kosmischer Struktur angesichts menschlicher Eingriffe. Quelle: Begleittext zur Ausstellung, S. 14f.
https://farangis.de/philozoe/edition_farangis_philozoe_DE_2021_1.pdf [28.02.26] - Weitere Exponate ordnen die ikonographische Welt des Mithras mythopoetisch und hinterfragend: Der weiße Stier als begehbare Holzskulptur führt die Besucher*innen in den Bildraum der Tauroktonie ein, ergänzt durch Klanginstallationen [https://mithraeum.bandcamp.com/; Farangis Yegane: For Example Mithras Part 1 in the Karmeliterkloster https://www.youtube.com/watch?v=8T1fK5f3-G8, 28.02.26], dabei die kontrastierende Bildpaarung, die die römische Opferikonographie mit dem Fokus auf das Opfer neben die Kreuzigung im Christentum stellt. Quelle: Exponatübersicht
https://farangis.de/mithras/de/exhibits1.htm [28.02.26]
Diese Inszenierungen zeigen, wie die römische Mythologie nicht nur symbolische Szenen reproduziert, sondern sie in einem reflexiven Raum der kulturellen Fragwürdigkeit neu zusammensetzt. Dabei wird deutlich, dass die Vorstellung von Opfer als Heil nicht naturgegeben ist, sondern in rituellen Ordnungsbildern konstruiert und stabilisiert wird – genau dort nämlich, wo kosmische Ordnung, Hierarchie und Übergangsrituale zusammengeführt werden.
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Persische Ursprünge: Leben als Sein
In zum Beispiel Mithras Teil II [Philozoe, Jg. 2, Nr. 3, 2021] gewinnt der Blick auf die persischen Mythologeme entscheidende Bedeutung.
In den iranischen Überlieferungen ist der Urstier kein symbolischer Opferkörper. Er ist Ausdruck von Lebendigkeit selbst. In der zoroastrischen Lehre und Doktrin wird von „sterblichem Sein“ gesprochen – doch diese Wendung gehört bereits in eine theologische Systematisierung. Im älteren heidnischen Mythos steht der Urtier nicht für Endlichkeit, sondern in Entsprechung mit dem Urmenschen für die Einheit von Leben und kosmischem Zusammenhang [Goashurvan, die Kuh, die das All-Lebes darstellt, der Urmenschen Kayomarth, Gaya Mare-tan].
Das Leben ist hier kein Mittel, wird nicht Instrument, ist keine bloße Funktion. Es ist sinnseiend. Vor diesem Hintergrund erscheint die römische Bildform der Tauroktonie als Transformation eines älteren Motivs. Was ursprünglich kosmische Kontinuität ausdrückte, wird in eine narrative Szene überführt, die sich in der Schnittstelle zwischen der Mithra-Gestalt des Persischen und ihrer mannigfaltigen Bedeutsamkeit und seinem Überhang ins Römische bewegt. Ein Gott tötet hier, damit Leben entsteht. An die Stelle von Verbundenheit (Mehr), tritt (Mitre), das Bündnis, der Vertrag.
Der erhobene Stierschwanz mit Ährenkrone
Besonders deutlich wird diese Verschiebung am Symbol des erhobenen Stierschwanzes mit der dreiteiligen Ährenkrone. Traditionell wird dieses Motiv oft funktionalistisch als Fruchtbarkeitssymbol gelesen. Farangis widerspricht implizit dieser Verkürzung. Die Ähre ist kein agrarisches Nutzzeichen. Sie markiert nicht Ertrag, sondern Kontinuität. Sie steht für das Weiterbestehen des Lebens als solches. Siehe Bild und Text >
Farangis, Mithras im Taunus – Interpretation, 2021, https://www.farangis.de/mithras/taunus/interpretation [26.02.26]
Farangis, Wind und Atem in der Mithras‑Bildsprache, 2021, https://farangis.de/two/mithras/de/wind.htm [26.02.26]
Farangis schreibt für zur Erläuterung für unsere gemeinsame Dokumentation zu z.B. Mithras II:
„Mit der Betonung der Weite des Himmels auf dem 5-teiligen querformatigen blauen Bild befindet sich Mithras im Mittelfeld, flankiert von den vier Windgöttern. Farangis zeigt hier Mithras mit kosmischen Symbolelementen. Er ist gezeigt in seinem vom Wind aufgeblähten Mantel, dessen Innenseite den Sternenhimmel darstellt.
Es ist erkennbar, dass Mithras auf dem Rücken des Stieres sitzt, der seinen Schwanz mit Ährenkrone aufgerichtet hat. Mithras ist im Moment des Zupackens vom Stierkopf erkennbar, jedoch hat Farangis auf diesem Bild dem Stiertöter eine nie dargestellte Position im Tötungsgeschehen gemalt denn hier sehen wir Mithras bei der Entscheidung den Stier nicht zu töten, indem er die Hand, die töten möchte, festhält und damit verweigert auf göttlichen Befehl zum Mörder zu werden.
In der kosmischen Frömmigkeit der Mithrasmysterien spielte der Rabe eine wichtige Rolle. Er wird meist sitzend auf dem weiten Mantel des Mithras sich ihm zuwendend dargestellt. Da die Aufenthaltsräume der Vögel Himmel und Erde gleichzeitig sind, wurde Vögeln die Vermittlerrolle zwischen den Himmelsgöttern und der irdischen Menschenwelt zugeschrieben.
Die vier Windgötter links und rechts, oberhalb und unterhalb, zeigen dem Betrachter die vier Windrichtungen an. In den alten Sprachen wurde Wind gleichgestellt mit Atem, Hauch und Luft. Somit hat Mithras auf diesem Bild dem Stier nicht den Atem die Luft genommen, sondern Leben erhalten. Er hat sich eingefügt in den Lebenszyklus einer kosmischen Ordnung und dem göttlichen Tötungsbefehl widerstanden.“
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In iranischen Mythensprache ist das Hervorgehen von Saat oder Pflanze kein ökonomischer Akt, sondern Ausdruck einer unaufhebbaren Lebensverflochtenheit. Das Leben setzt sich fort, nicht weil es geopfert wurde, sondern weil es nicht negierbar ist.
In der römischen Tauroktonie wird dieses Bild jedoch visuell an den Akt der Tötung und des soldatischen Gehorsams und dessen Konsequenzialität gebunden. Es entsteht eine semantische Verschiebung: die Unausweichlichkeit des Opfers rückt in den Mittelpunkt.
Transformation und kulturkritische Intervention
Farangis’ neo-mithraische Interpretation – festgehalten in der Online-Dokumentation Mithras im Taunus [ https://www.farangis.de/mithras/taunus/ , 28.02.26] zur Ausstellung „Mysterium Mithras“ – die Farangis mit Exponaten aus z.B. Mithras I und II in Zusammenarbeit mit dem Saalburgmuseum umsetzte – macht diese Verschiebung sichtbar.
Farangis kontextualisiert im Rahmen der historischen Prämissen,
- dass die Tauroktonie keine historische Belegszene realer Stieropfer war, sondern eine mythische Allegorie innerhalb des Kultes,
- und dass die Verbindung von Tötung und Heilserwartung eine kulturelle Codierung darstellt, die aufgebrochen werden kann und sollte.
Damit wird das Opferdenken als historisch gewordene Bildfigur erkennbar. Nicht Leben entsteht durch Opfer. Vielmehr wurde ein Bild von Lebens-Kontinuität in eine Dramaturgie des Opfers überführt.
Gerade hier liegt die kulturkritische Intervention Farangis’:
Sie legt offen, wie aus einem Mythos der Transformation ein Mythos der notwendigen Gewalt werden konnte.
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28.02.26












